Freitag, 2. Mai 2014

Geschichten aus der glücklichsten Nation der Welt


Und? Habt ihr richtig geraten? Ja genau, wir sind in Vanuatu (oder besser gesagt, verbrachten wir die letzten drei Wochen da). Der Inselstaat im Pazifik ist per Flugzeug in drei Stunden von Auckland erreichbar. Gemäss einer im Jahre 2006 veröffentlichte Studie leben in Vanuatu die glücklichsten Menschen der ganzen Welt (für Interessierte: http://www.spiegel.de/panorama/gefuehlsstudie-die-glueckskinder-von-vanuatu-a-426418.html). Natürlich wollten wir diese Leute kennenlernen und herausfinden woran das liegt.


Der Staat hat im Jahre 1980 seine Unabhängigkeit von Frankreich und Grossbritannien erklärt. Anders als viele Südpazifikinseln wie etwa Hawaii, Tonga, Cook Islands, Tahiti oder Neuseeland, gehört Vanuatu ethnisch betrachtet nicht zu den polynesischen sondern zu den melanesischen Ländern. In einigen Dörfern und Gegenden auf den abgelegeneren Inseln werden noch uralte Zeremonien gefeiert und Traditionen gelebt („Kastom Villages“). Glücklicherweise wurde die sehr fragwürdige „Tradition“ des Kannibalismus abgeschafft, welche noch bis 1969 auf Vanuatu praktiziert wurde (also noch gar nicht lange her…).

Da es in Vanuatu nicht immer einfach ist kurzfristig zu planen, haben wir uns schon im Vorfeld Gedanken gemacht, welche Inseln wir besuchen möchten und dementsprechend ein paar Unterkünfte und Flüge vorreserviert. Als erstes besuchten wir die kleine Insel „Tanna“. Ein Highlight unserer Vanuatu-Reise erfuhren wir sogleich am zweiten Tag, nämlich den Besuch des aktiven Vulkans „Mount Yasur“. „Yasur“ bedeutet  in der lokalen Sprache „Gott“ – es handelt sich somit um einen heiligen Berg, der bis in die 60er-Jahre nicht bestiegen werden durfte. Als jedoch der Tourismus auf der Insel aufkam, wurde der Vulkan für die Allgemeinheit zugänglich gemacht. Im Vergleich zu anderen Vulkanen ist dies ein sehr gut erschlossener Vulkan: Der Autoparkplatz ist gerade mal 200 Meter vom Kraterrand entfernt! Die Anreise jedoch ist ziemlich holprig, denn es gibt keinerlei asphaltierte Strassen auf der Insel. Ein ausgewaschener Vierrad-„Track“ führt zum Vulkangebiet. Die letzten paar Kilometer fuhren wir über eine lange Ebene, die mit einer dicken Schicht Asche überzogen war – so stellt man sich in etwa die Landschaft auf dem Mond vor. Unser Guide erklärte uns zu Beginn des kurzen Aufstiegs, er müsse zuerst beobachten, wohin die Steine und Lavastücke fliegen. Dies sei wichtig für seine Entscheidung, ob wir auf der linken oder doch besser auf der rechten Seite des Kraterrands entlanglaufen würden. Als wir die erste Eruption wahrnahmen (es gibt ca. 10 – 20 Eruptionen die Stunde), wussten wir, weshalb diese Entscheidung so wichtig war: Lauter Knall, zitternde Erde, Feuer, Gesteinsbrocken, die weit über den Kraterrand durch die Luft flogen, und dann: Adrenalin! Diesen Moment werden wir unser ganzes Leben nicht vergessen. Es fühlte sich so an, als hätte das letzte Stündchen geschlagen. Doch anscheinend war dies „normal“, denn wir konnten noch weitere solche Ausbrüche beobachten. Zum Sonnenuntergang schauten wir vom Kraterrand in den rauchumhüllten Krater und konnten sehen, wie die Lava durch die Dunkelheit sprühte. 



Das nächste Highlight auf Tanna folgte bereits am nächsten Tag. Wir besuchten ein traditionelles Dorf, mitten im Dschungel, wo das sogenannte Yakel-Volk lebt. Die Menschen in diesem Dorf lehnen westliche Lebensweisen ab. Das heisst nicht nur: kein Computer, Fernseher oder iPod, sondern auch: kein Supermarkt sowie keine (Stoff-)Kleider. In vielen anderen Ländern gibt es ebenfalls traditionelle Dörfer, die für Touristen zugänglich sind, die jedoch oft ziemlich arrangiert wirken. Nicht so in Vanuatu: Was wir da sehen durften, schien ziemlich authentisch. Die Frauen trugen Grasröcke und Bananenblätter. Die Männer haben nur gerade ihr „allerbestes Stück“ in einer Art „Hülle“ aus geflochtenen Pflanzenmaterialien verstaut. Die Menschen im Dorf sprechen ihre eigene Sprache, die sich komplett von der Sprache der anderen Insulaner unterscheidet. Wir lernten nur das Wort „luha“ kennen, das zugleich „guten Tag“, „danke“, „Adieu“, „gefällt mir“ etc. heisst. Wir waren also nicht so schlecht beraten, wenn wir dieses Wort so alle paar Minuten mal in den Mund nahmen. Der Guide aus dem Dorf zeigte uns, wie das Essen zubereitet wird, welche Pflanzen wie und wo wachsen und erzählte vom alltäglichen Dorfleben. Ausserdem konnten wir erfahren, wie speziell ausgewählte/befähigte Personen den „Wettergeist“ beeinflussen können (ziemlich ähnlich wie bei Indiana Jones – Steine für Regen/Wasser). Zum Abschluss kamen wir noch in den Genuss eines traditionellen Tanzes. 



Ebenfalls gefallen haben uns die Schnorchelausflüge auf Tanna: vorbei an bunten Korallenwänden, in sogenannten „Blue Holes“ oder auch in der „Blue Cave“. Letztere ist eine mit Meerwasser gefüllte Höhle. Speziell daran ist, dass um die Mittagszeit die Sonne direkt durch ein grosses Loch in der Decke scheint und so die Höhle in wunderschönem Licht strahlen lässt.


Unseren nächsten Inselstopp legten wir auf Pentecost ein. Die touristische Infrastruktur auf dieser Insel ist minimal: praktisch keine Strassen, einfache Unterbringung, begrenztes Stromangebot ab Generator, kein Internet, lausiger Flughafen. Auch online oder in Reiseführern gibt es nur wenige Infos über diese Insel und online buchbare Unterkünfte sucht man vergebens. Nach mehreren Email- und SMS-Kontaktversuchen konnten wir über eine Drittperson unsere Unterbringung auf der Insel sicherstellen. Und tatsächlich: Nachdem Nino dem Flughafenmitarbeiter (der wohl zu klein für seinen Job war) geholfen hat, das Gepäck der Passagiere aus dem Flugzeug zu tragen, wurden wir herzlich von einer netten Dame begrüsst – mit Blumenkranz, wie es sich gehört in der Südsee! Im Pickup fuhren wir durch einen Dschungel-Track, überquerten mehrere Flüsse mit glasklarem Bergwasser und landeten am richtigen Ort – funktionierte offenbar. Unser Guesthouse war einfach, lag jedoch in einer wunderschönen Umgebung direkt am Meer und in der Nähe eines traumhaften Wasserfalls. Wir wurden überaus freundlich behandelt, ja wir hatten sogar das Gefühl, irgendwie auch zum Dorf zu gehören. Wir wurden im Dorf herumgeführt, machten eine Bergwanderung zu höher gelegenen Wasserfällen und lernten sogar den „Village-Chief“ (Dorfchef) kennen… Ja, am letzten Abend tranken wir sogar Kava (eine grüne, etwas bittere Grütze aus Wurzeln, die hier gern getrunken wird) mit ihm und er spielte uns ein paar Lieder auf seiner Gitarre vor dem flackernden Feuer am Strand vor. Wir wussten, dass wir ein Kava-Angebot eines Dorfchefs nicht ablehnen sollten und liessen es über uns ergehen… (mehr über Kava: http://de.wikipedia.org/wiki/Kava). 



Am Karfreitag liessen wir uns den Gottesdienst in der Dorfkirche nicht entgehen (klaro, wir als regelmässige Kirchgänger;-)). Wie die meisten südpazifischen Inseln wurde auch auf Vanuatu reichlich missioniert (über 80% sind Christen) und nur noch wenige praktizieren indigene Naturreligionen. Wir mussten feststellen, dass so ein Gottesdienst anders abläuft als bei uns. Es wird sehr viel gesungen (v.a. fröhliche Lieder) und fast jeder Einwohner leistet seinen aktiven Beitrag. So sahen wir ein Theater über die Kreuzigung Jesu, hörten schöne und weniger schöne Sologesänge sowie ekstatische Reden über Jesus, Gott und die Welt. Zwei Damen, die eine solche Rede hielten, waren ziemlich in Trance und einem Zusammenbruch nahe. Spätestens beim Augenflimmern der einen Dame bekamen wir ein wenig Angst. Wir konnten uns nicht genau erklären, ob Wut, Freude oder die stickige Hitze in der Kirche diese Verhaltensweise auslöste. 


Am Ostersamstag war es dann soweit. Von April bis Juni ist auf Pentecost „Naghol Season“. Für diese „Happenings“, welche während dieser Zeit immer Mittwochs und Samstags stattfinden, wurden mitten im Dschungel wacklige Holztürme, welche mit Lianen befestigt sind, aufgebaut. Aus verschiedenen Stockwerken des bis zu 35 Meter hohen Turms springen die waghalsigen Einwohner von Süd-Pentecost auf die kahle Erde. An den Fussgelenken ist je eine Liane befestigt. Diese wird von jedem Springer persönlich ausgewählt (unter strenger Kontrolle des „Naghol-Doktors“). Dabei ist wichtig, dass die Liane nicht zu lange ist, da der Springer sonst eine gefährlich nahe Bekanntschaft mit dem Boden machen würde. Auch sollte die Liane nicht zu kurz sein,  so dass der Springer daran in der Luft hängen bleibt. Ziel ist, dass der Boden mit den Haaren berührt wird. Die richtige „Lianenwahl“ zu treffen ist somit überlebenswichtig. Ist ein Springer zum Absprung bereit, wird er mit Tanz und Gesang angefeuert. Diese „Events“ sind ziemlich populär, es werden einige Tagestouristen von den umliegenden Inseln eingeflogen, um dieses Spektakel zu erleben. Diese uralte Tradition auf Pentecost Island ist der eigentliche Ursprung des Bungee-Jumping, welches in Neuseeland (neu) erfunden und kommerzialisiert wurde. Während in der westlichen Welt das Bungee-Jumping vor allem zum Spass betrieben wird, wird die Naghol-Zeremonie abgehalten, um eine gute Ernte sicherzustellen. Es war fantastisch, mit den tapferen Springern mitzufiebern und diese wirklich einzigartige Tradition so hautnah erleben zu können.



Wir genossen unsere 6 Tage auf Pentecost sehr. Die meisten Touristen kommen nur für einen Tag zur Naghol-Zeremonie, jedoch hat die Insel noch viel mehr zu bieten. Vor allem die herzensguten Menschen, die wir dort angetroffen haben, werden uns lange in Erinnerung bleiben – der Abschied fiel uns schlussendlich nicht so leicht.

Unsere letzte Insel in Vanuatu war Espiritu Santo (oder kurz: „Santo“), wo wir unseren längsten Aufenthalt auf Vanuatu verbrachten – ganze 12 Tage. Uns blieb also genug Zeit, um zu relaxen und die Weiterreise zu planen.  Aber auch ein wenig Sightseeing durfte nicht fehlen. Wir mieteten uns für ein paar Tage einen Roller, womit wir auf Entdeckungsfahrt an der Ostküste der Insel gingen. Es gibt nämlich nur auf dieser Inselseite eine asphaltierte Strasse (von den Amerikanern gesponsert), ansonsten hat es nur Naturstrassen und –Wege. Wir waren immer wieder schnorcheln, faulenzten an paradiesischen Stränden, machten Ausfahrten mit dem Kajak sowie eine abenteuerliche Trekking-Tour. Unsere drei persönlichen Highlights waren:

1) Blaue Löcher im Boden:
Im Dschungel auf der Insel Santo findet man immer wieder sogenannte „Blue Holes“. Das sind (wie der Name verrät) tiefblaue mit Süsswasser gefüllte Pools. Das Wasser ist glasklar, man könnte es sogar trinken, denn es sprudelt direkt aus dem Boden und wird durch mehrere Schichten Kalkstein gefiltert. Die Pools laden natürlich zum baden und herumtollen ein. Ja genau: herumtollen! Meistens sind an ein paar dickeren Ästen der umliegenden Bäume lange Seile angebracht sowie wackelige Absprungplattformen. So konnten wir uns mit den Seilen fast über das gesamte Wasserloch schwingen und direkt ins erfrischende Wasser eintauchen. Das Kind in uns war geweckt - wir hatten jede Menge Spass dabei, uns ins Wasser zu katapultieren. Die Wassertemperatur war für uns Mitteleuropäer optimal, nicht zu kalt und nicht zu warm (schätzungsweise 25 Grad). Für die Locals hingegen war das Wasser eher kühl – so staunten sie nicht schlecht, wie lange wir darin ausharrten.



2) Versenkte Millionen:
Nach dem zweiten Weltkrieg haben die Amerikaner jede Menge Kriegsmaterial vor der Küste der Insel Santo versenkt. Die Bevölkerung Vanuatus war zwar an diesem Material interessiert, beabsichtigten es jedoch nicht kaufen, da die Amerikaner es ohnehin nicht zurücknehmen wollten (Occasion-Material hätte die amerikanische Wirtschaft geschädigt). So einfach wollten die Amerikaner den Leuten in Vanuatu die Waren doch nicht überlassen und haben sie kurzerhand im Ozean versenkt.  Auf dem ganzen Kriegsschrott haben sich eine ganze Menge Korallen (und Fische) angesammelt und man kann die Relikte einfach vom Ufer aus erschnorcheln. Es kam uns irgendwie vor wie ein Unterwasser-Museum: Panzer, Reifen, Traktoren, Schiffe, Gewehre etc. findet man nur wenige Meter unter dem Meeresspiegel. Ebenfalls in der Zeit des zweiten Weltkriegs ging die „SS President Coolidge“ vor der Küste Santos unter. Der Luxusliner kenterte, da dieser auf ein Minenfeld traf. Die Trümmer liegen nun auf rund 25-70 Metern Tiefe und stellen das grösste betauchbare Wrack weltweit dar. Natürlich gönnten wir uns auch einen Tauchgang – die Grösse des Wracks war sehr imposant. Zudem konnten wir einige Relikte vergangener Zeit sehen wie z.B. die damaligen Toiletten/Badezimmer, Coiffeur-Salon, Stiefel, Gasmasken, Geschirr, Kochtöpfe, alte Gewehre sowie Kanonen und deren Munition.


3) Welcome to the jungle:
Ein weiteres Highlight bot uns die „Millenium Cave“. Es war ein wirklich abenteuerlicher Ausflug, ja so eine Art „Canyoning Vanuatu Style“. Durch den Urwald liefen wir zuerst zu einer Höhle. Der Eingang der Höhle war fast nicht zu erkennen, denn der Regenwald war derart dicht – Glücklicherweise hatten wir unsere Guides dabei, die uns den Weg bahnten. In der Höhle (die riesig und voller Fledermäuse war) wateten wir ca. 45 Minuten lange durch den Fluss, um ans andere Ende zu gelangen. Danach liessen wir uns den Fluss abwärts durch eine tiefe Schlucht treiben, links und rechts stürzten tosende Wasserfälle hinab. Immer wieder mussten wir den Fluss verlassen und über grosse Gesteinsbrocken klettern. Vor allem der Ausstieg aus der Schlucht machte uns zu schaffen, denn dieser erfolgte über einen kleinen Wasserfall und über lange steile Holzleitern. Wir waren zwar schlussendlich müde, aber der Ausflug war ziemlich abenteuerlich und war für uns deshalb unvergesslich.

Nun zurück zu unserer Ausgangsfrage: Was macht die Menschen in Vanuatu so glücklich, ja sogar zur glücklichsten Nation der Welt? Wir haben auf der Suche nach einer Antwort immer wieder bei den Locals nachgefragt und glauben, einen Grossteil der Antwort gefunden zu haben: Die Menschen in Vanuatu haben gerade das was sie zum Leben brauchen und (meist) nicht mehr. Die vulkanische Erde ist sehr fruchtbar – es werden alle erdenklichen Früchte, viel Gemüse, Yam, Kochbananen, Manjok und Taro angepflanzt. Es wächst überall genug, damit sich die Menschen selbst verpflegen können. Wir fragten die Locals immer wieder nach ihrem Job und viele sagten „I grow my own stuff“. iPad’s, Fernseher und Internet werden nicht für das alltägliche Leben benötigt. Ebenfalls gibt es hier reichlich sauberes Trinkwasser in Quellen und Flüssen. Um eine Bleibe müssen sich die Menschen auf Vanuatu auch keine Sorgen machen, denn das Land ist unter den Familien bzw. Clans aufgeteilt. Die Häuser werden meist mit natürlichen Materialien aus dem Wald gebaut. Das Dorf- und Familienleben spielt hier eine grosse Rolle. Geld sowie Luxusgüter werden als unwichtig betrachtet, Steuern bezahlt man keine. Auf gewissen abgelegenen Inseln existiert sogar noch der Tauschhandel. Zu alldem kommt noch eine Prise „Verrücktheit“ (wie die Land-Diver auf Pentecost demonstrierten) sowie ab und zu ein paar Kava-Drinks. Wir haben in Vanuatu viel dazugelernt – wir wissen nun, was im Leben wirklich zählt und was glücklich (unglücklich) macht. Man sieht den Menschen in Vanuatu definitiv an, wie happy sie sind – es wird viel gelacht und die Leute sind extrem zufrieden. Wir wurden mit einer derartigen Herzlichkeit begrüsst, wie wir sie auf unseren Reisen durch Asien, Afrika und Ozeanien noch nie erlebt haben.




 
 
   
 


 

 


 
 



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