Und? Habt ihr richtig geraten? Ja genau, wir sind in Vanuatu (oder besser gesagt, verbrachten wir die letzten drei Wochen da). Der Inselstaat im Pazifik ist per Flugzeug in drei Stunden von Auckland erreichbar. Gemäss einer im Jahre 2006 veröffentlichte Studie leben in Vanuatu die glücklichsten Menschen der ganzen Welt (für Interessierte: http://www.spiegel.de/panorama/gefuehlsstudie-die-glueckskinder-von-vanuatu-a-426418.html). Natürlich wollten wir diese Leute kennenlernen und herausfinden woran das liegt.
Der Staat hat im Jahre 1980 seine Unabhängigkeit von
Frankreich und Grossbritannien erklärt. Anders als viele Südpazifikinseln wie
etwa Hawaii, Tonga, Cook Islands, Tahiti oder Neuseeland, gehört Vanuatu ethnisch
betrachtet nicht zu den polynesischen sondern zu den melanesischen Ländern. In
einigen Dörfern und Gegenden auf den abgelegeneren Inseln werden noch uralte
Zeremonien gefeiert und Traditionen gelebt („Kastom Villages“).
Glücklicherweise wurde die sehr fragwürdige „Tradition“ des Kannibalismus
abgeschafft, welche noch bis 1969 auf Vanuatu praktiziert wurde (also noch gar
nicht lange her…).
Da es in Vanuatu nicht immer einfach ist kurzfristig zu
planen, haben wir uns schon im Vorfeld Gedanken gemacht, welche Inseln wir
besuchen möchten und dementsprechend ein paar Unterkünfte und Flüge
vorreserviert. Als erstes besuchten wir die kleine Insel „Tanna“. Ein Highlight
unserer Vanuatu-Reise erfuhren wir sogleich am zweiten Tag, nämlich den Besuch
des aktiven Vulkans „Mount Yasur“. „Yasur“ bedeutet in der lokalen Sprache „Gott“ – es handelt
sich somit um einen heiligen Berg, der bis in die 60er-Jahre nicht bestiegen
werden durfte. Als jedoch der Tourismus auf der Insel aufkam, wurde der Vulkan
für die Allgemeinheit zugänglich gemacht. Im Vergleich zu anderen Vulkanen ist
dies ein sehr gut erschlossener Vulkan: Der Autoparkplatz ist gerade mal 200
Meter vom Kraterrand entfernt! Die Anreise jedoch ist ziemlich holprig, denn es
gibt keinerlei asphaltierte Strassen auf der Insel. Ein ausgewaschener Vierrad-„Track“
führt zum Vulkangebiet. Die letzten paar Kilometer fuhren wir über eine lange
Ebene, die mit einer dicken Schicht Asche überzogen war – so stellt man sich in
etwa die Landschaft auf dem Mond vor. Unser Guide erklärte uns zu Beginn des
kurzen Aufstiegs, er müsse zuerst beobachten, wohin die Steine und Lavastücke
fliegen. Dies sei wichtig für seine Entscheidung, ob wir auf der linken oder
doch besser auf der rechten Seite des Kraterrands entlanglaufen würden. Als wir
die erste Eruption wahrnahmen (es gibt ca. 10 – 20 Eruptionen die Stunde),
wussten wir, weshalb diese Entscheidung so wichtig war: Lauter Knall, zitternde
Erde, Feuer, Gesteinsbrocken, die weit über den Kraterrand durch die Luft
flogen, und dann: Adrenalin! Diesen Moment werden wir unser ganzes Leben nicht
vergessen. Es fühlte sich so an, als hätte das letzte Stündchen geschlagen.
Doch anscheinend war dies „normal“, denn wir konnten noch weitere solche
Ausbrüche beobachten. Zum Sonnenuntergang schauten wir vom Kraterrand in den rauchumhüllten
Krater und konnten sehen, wie die Lava durch die Dunkelheit sprühte.
Das nächste Highlight auf Tanna folgte bereits am nächsten
Tag. Wir besuchten ein traditionelles Dorf, mitten im Dschungel, wo das
sogenannte Yakel-Volk lebt. Die Menschen in diesem Dorf lehnen westliche
Lebensweisen ab. Das heisst nicht nur: kein Computer, Fernseher oder iPod, sondern
auch: kein Supermarkt sowie keine (Stoff-)Kleider. In vielen anderen Ländern
gibt es ebenfalls traditionelle Dörfer, die für Touristen zugänglich sind, die
jedoch oft ziemlich arrangiert wirken. Nicht so in Vanuatu: Was wir da sehen
durften, schien ziemlich authentisch. Die Frauen trugen Grasröcke und
Bananenblätter. Die Männer haben nur gerade ihr „allerbestes Stück“ in einer
Art „Hülle“ aus geflochtenen Pflanzenmaterialien verstaut. Die Menschen im Dorf
sprechen ihre eigene Sprache, die sich komplett von der Sprache der anderen
Insulaner unterscheidet. Wir lernten nur das Wort „luha“ kennen, das zugleich
„guten Tag“, „danke“, „Adieu“, „gefällt mir“ etc. heisst. Wir waren also nicht
so schlecht beraten, wenn wir dieses Wort so alle paar Minuten mal in den Mund
nahmen. Der Guide aus dem Dorf zeigte uns, wie das Essen zubereitet wird,
welche Pflanzen wie und wo wachsen und erzählte vom alltäglichen Dorfleben.
Ausserdem konnten wir erfahren, wie speziell ausgewählte/befähigte Personen den
„Wettergeist“ beeinflussen können (ziemlich ähnlich wie bei Indiana Jones –
Steine für Regen/Wasser). Zum Abschluss kamen wir noch in den Genuss eines
traditionellen Tanzes.
Ebenfalls gefallen haben uns die Schnorchelausflüge auf
Tanna: vorbei an bunten Korallenwänden, in sogenannten „Blue Holes“ oder auch
in der „Blue Cave“. Letztere ist eine mit Meerwasser gefüllte Höhle. Speziell daran
ist, dass um die Mittagszeit die Sonne direkt durch ein grosses Loch in der
Decke scheint und so die Höhle in wunderschönem Licht strahlen lässt.
Unseren nächsten Inselstopp legten wir auf Pentecost ein.
Die touristische Infrastruktur auf dieser Insel ist minimal: praktisch keine Strassen,
einfache Unterbringung, begrenztes Stromangebot ab Generator, kein Internet,
lausiger Flughafen. Auch online oder in Reiseführern gibt es nur wenige Infos
über diese Insel und online buchbare Unterkünfte sucht man vergebens. Nach
mehreren Email- und SMS-Kontaktversuchen konnten wir über eine Drittperson
unsere Unterbringung auf der Insel sicherstellen. Und tatsächlich: Nachdem Nino
dem Flughafenmitarbeiter (der wohl zu klein für seinen Job war) geholfen hat,
das Gepäck der Passagiere aus dem Flugzeug zu tragen, wurden wir herzlich von
einer netten Dame begrüsst – mit Blumenkranz, wie es sich gehört in der Südsee!
Im Pickup fuhren wir durch einen Dschungel-Track, überquerten mehrere Flüsse
mit glasklarem Bergwasser und landeten am richtigen Ort – funktionierte
offenbar. Unser Guesthouse war einfach, lag jedoch in einer wunderschönen
Umgebung direkt am Meer und in der Nähe eines traumhaften Wasserfalls. Wir
wurden überaus freundlich behandelt, ja wir hatten sogar das Gefühl, irgendwie
auch zum Dorf zu gehören. Wir wurden im Dorf herumgeführt, machten eine
Bergwanderung zu höher gelegenen Wasserfällen und lernten sogar den
„Village-Chief“ (Dorfchef) kennen… Ja, am letzten Abend tranken wir sogar Kava
(eine grüne, etwas bittere Grütze aus Wurzeln, die hier gern getrunken wird)
mit ihm und er spielte uns ein paar Lieder auf seiner Gitarre vor dem
flackernden Feuer am Strand vor. Wir wussten, dass wir ein Kava-Angebot eines
Dorfchefs nicht ablehnen sollten und liessen es über uns ergehen… (mehr über
Kava: http://de.wikipedia.org/wiki/Kava).
Am Karfreitag liessen wir uns den Gottesdienst in der
Dorfkirche nicht entgehen (klaro, wir als regelmässige Kirchgänger;-)). Wie die
meisten südpazifischen Inseln wurde auch auf Vanuatu reichlich missioniert
(über 80% sind Christen) und nur noch wenige praktizieren indigene Naturreligionen.
Wir mussten feststellen, dass so ein Gottesdienst anders abläuft als bei uns.
Es wird sehr viel gesungen (v.a. fröhliche Lieder) und fast jeder Einwohner leistet
seinen aktiven Beitrag. So sahen wir ein Theater über die Kreuzigung Jesu, hörten
schöne und weniger schöne Sologesänge sowie ekstatische Reden über Jesus, Gott
und die Welt. Zwei Damen, die eine solche Rede hielten, waren ziemlich in
Trance und einem Zusammenbruch nahe. Spätestens beim Augenflimmern der einen
Dame bekamen wir ein wenig Angst. Wir konnten uns nicht genau erklären, ob Wut,
Freude oder die stickige Hitze in der Kirche diese Verhaltensweise auslöste.
Am Ostersamstag war es dann soweit. Von April bis Juni ist
auf Pentecost „Naghol Season“. Für diese „Happenings“, welche während dieser
Zeit immer Mittwochs und Samstags stattfinden, wurden mitten im Dschungel
wacklige Holztürme, welche mit Lianen befestigt sind, aufgebaut. Aus
verschiedenen Stockwerken des bis zu 35 Meter hohen Turms springen die
waghalsigen Einwohner von Süd-Pentecost auf die kahle Erde. An den Fussgelenken
ist je eine Liane befestigt. Diese wird von jedem Springer persönlich
ausgewählt (unter strenger Kontrolle des „Naghol-Doktors“). Dabei ist wichtig,
dass die Liane nicht zu lange ist, da der Springer sonst eine gefährlich nahe
Bekanntschaft mit dem Boden machen würde. Auch sollte die Liane nicht zu kurz
sein, so dass der Springer daran in der
Luft hängen bleibt. Ziel ist, dass der Boden mit den Haaren berührt wird. Die
richtige „Lianenwahl“ zu treffen ist somit überlebenswichtig. Ist ein Springer
zum Absprung bereit, wird er mit Tanz und Gesang angefeuert. Diese „Events“
sind ziemlich populär, es werden einige Tagestouristen von den umliegenden
Inseln eingeflogen, um dieses Spektakel zu erleben. Diese uralte Tradition auf
Pentecost Island ist der eigentliche Ursprung des Bungee-Jumping, welches in
Neuseeland (neu) erfunden und kommerzialisiert wurde. Während in der westlichen
Welt das Bungee-Jumping vor allem zum Spass betrieben wird, wird die
Naghol-Zeremonie abgehalten, um eine gute Ernte sicherzustellen. Es war
fantastisch, mit den tapferen Springern mitzufiebern und diese wirklich
einzigartige Tradition so hautnah erleben zu können.
Wir genossen unsere 6 Tage auf Pentecost sehr. Die meisten
Touristen kommen nur für einen Tag zur Naghol-Zeremonie, jedoch hat die Insel
noch viel mehr zu bieten. Vor allem die herzensguten Menschen, die wir dort
angetroffen haben, werden uns lange in Erinnerung bleiben – der Abschied fiel uns
schlussendlich nicht so leicht.
Unsere letzte Insel in Vanuatu war Espiritu Santo (oder
kurz: „Santo“), wo wir unseren längsten Aufenthalt auf Vanuatu verbrachten –
ganze 12 Tage. Uns blieb also genug Zeit, um zu relaxen und die Weiterreise zu
planen. Aber auch ein wenig Sightseeing
durfte nicht fehlen. Wir mieteten uns für ein paar Tage einen Roller, womit wir
auf Entdeckungsfahrt an der Ostküste der Insel gingen. Es gibt nämlich nur auf
dieser Inselseite eine asphaltierte Strasse (von den Amerikanern gesponsert),
ansonsten hat es nur Naturstrassen und –Wege. Wir waren immer wieder schnorcheln,
faulenzten an paradiesischen Stränden, machten Ausfahrten mit dem Kajak sowie
eine abenteuerliche Trekking-Tour. Unsere drei persönlichen Highlights waren:
1) Blaue Löcher im Boden:
Im Dschungel auf der Insel Santo findet man
immer wieder sogenannte „Blue Holes“. Das sind (wie der Name verrät) tiefblaue
mit Süsswasser gefüllte Pools. Das Wasser ist glasklar, man könnte es sogar
trinken, denn es sprudelt direkt aus dem Boden und wird durch mehrere Schichten
Kalkstein gefiltert. Die Pools laden natürlich zum baden und herumtollen ein.
Ja genau: herumtollen! Meistens sind an ein paar dickeren Ästen der umliegenden
Bäume lange Seile angebracht sowie wackelige Absprungplattformen. So konnten
wir uns mit den Seilen fast über das gesamte Wasserloch schwingen und direkt ins
erfrischende Wasser eintauchen. Das Kind in uns war geweckt - wir hatten jede
Menge Spass dabei, uns ins Wasser zu katapultieren. Die Wassertemperatur war
für uns Mitteleuropäer optimal, nicht zu kalt und nicht zu warm (schätzungsweise
25 Grad). Für die Locals hingegen war das Wasser eher kühl – so staunten sie
nicht schlecht, wie lange wir darin ausharrten.
2) Versenkte Millionen:
Nach dem zweiten Weltkrieg haben die
Amerikaner jede Menge Kriegsmaterial vor der Küste der Insel Santo versenkt. Die
Bevölkerung Vanuatus war zwar an diesem Material interessiert, beabsichtigten es
jedoch nicht kaufen, da die Amerikaner es ohnehin nicht zurücknehmen wollten
(Occasion-Material hätte die amerikanische Wirtschaft geschädigt). So einfach wollten
die Amerikaner den Leuten in Vanuatu die Waren doch nicht überlassen und haben
sie kurzerhand im Ozean versenkt. Auf
dem ganzen Kriegsschrott haben sich eine ganze Menge Korallen (und Fische)
angesammelt und man kann die Relikte einfach vom Ufer aus erschnorcheln. Es kam
uns irgendwie vor wie ein Unterwasser-Museum: Panzer, Reifen, Traktoren,
Schiffe, Gewehre etc. findet man nur wenige Meter unter dem Meeresspiegel. Ebenfalls
in der Zeit des zweiten Weltkriegs ging die „SS President Coolidge“ vor der
Küste Santos unter. Der Luxusliner kenterte, da dieser auf ein Minenfeld traf.
Die Trümmer liegen nun auf rund 25-70 Metern Tiefe und stellen das grösste
betauchbare Wrack weltweit dar. Natürlich gönnten wir uns auch einen Tauchgang –
die Grösse des Wracks war sehr imposant. Zudem konnten wir einige Relikte
vergangener Zeit sehen wie z.B. die damaligen Toiletten/Badezimmer,
Coiffeur-Salon, Stiefel, Gasmasken, Geschirr, Kochtöpfe, alte Gewehre sowie
Kanonen und deren Munition.
3) Welcome to the jungle:
Ein weiteres Highlight bot uns die „Millenium
Cave“. Es war ein wirklich abenteuerlicher Ausflug, ja so eine Art „Canyoning
Vanuatu Style“. Durch den Urwald liefen wir zuerst zu einer Höhle. Der Eingang
der Höhle war fast nicht zu erkennen, denn der Regenwald war derart dicht –
Glücklicherweise hatten wir unsere Guides dabei, die uns den Weg bahnten. In
der Höhle (die riesig und voller Fledermäuse war) wateten wir ca. 45 Minuten lange
durch den Fluss, um ans andere Ende zu gelangen. Danach liessen wir uns den
Fluss abwärts durch eine tiefe Schlucht treiben, links und rechts stürzten
tosende Wasserfälle hinab. Immer wieder mussten wir den Fluss verlassen und
über grosse Gesteinsbrocken klettern. Vor allem der Ausstieg aus der Schlucht
machte uns zu schaffen, denn dieser erfolgte über einen kleinen Wasserfall und
über lange steile Holzleitern. Wir waren zwar schlussendlich müde, aber der
Ausflug war ziemlich abenteuerlich und war für uns deshalb unvergesslich.
Nun zurück zu unserer Ausgangsfrage: Was macht die Menschen
in Vanuatu so glücklich, ja sogar zur glücklichsten Nation der Welt? Wir haben
auf der Suche nach einer Antwort immer wieder bei den Locals nachgefragt und
glauben, einen Grossteil der Antwort gefunden zu haben: Die Menschen in Vanuatu
haben gerade das was sie zum Leben brauchen und (meist) nicht mehr. Die
vulkanische Erde ist sehr fruchtbar – es werden alle erdenklichen Früchte, viel
Gemüse, Yam, Kochbananen, Manjok und Taro angepflanzt. Es wächst überall genug,
damit sich die Menschen selbst verpflegen können. Wir fragten die Locals immer
wieder nach ihrem Job und viele sagten „I grow my own stuff“. iPad’s, Fernseher
und Internet werden nicht für das alltägliche Leben benötigt. Ebenfalls gibt es
hier reichlich sauberes Trinkwasser in Quellen und Flüssen. Um eine Bleibe
müssen sich die Menschen auf Vanuatu auch keine Sorgen machen, denn das Land
ist unter den Familien bzw. Clans aufgeteilt. Die Häuser werden meist mit
natürlichen Materialien aus dem Wald gebaut. Das Dorf- und Familienleben spielt
hier eine grosse Rolle. Geld sowie Luxusgüter werden als unwichtig betrachtet,
Steuern bezahlt man keine. Auf gewissen abgelegenen Inseln existiert sogar noch
der Tauschhandel. Zu alldem kommt noch eine Prise „Verrücktheit“ (wie die
Land-Diver auf Pentecost demonstrierten) sowie ab und zu ein paar Kava-Drinks. Wir
haben in Vanuatu viel dazugelernt – wir wissen nun, was im Leben wirklich zählt
und was glücklich (unglücklich) macht. Man sieht den Menschen in Vanuatu
definitiv an, wie happy sie sind – es wird viel gelacht und die Leute sind
extrem zufrieden. Wir wurden mit einer derartigen Herzlichkeit begrüsst, wie
wir sie auf unseren Reisen durch Asien, Afrika und Ozeanien noch nie erlebt
haben.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen